Freitag, 9. Dezember 2011

Zur Hölle mit den Paukern


Die Lümmel von der ersten Bank, Teil 1

"Der Schüler Nietnagel hat Selbstmord begangen!" - Mit diesen Worten stürmt der Lateinlehrer Knörz in das Direktorat des Mommsen-Gymnasiums. Er hat genau gesehen, wie Pepe Nietnagel sich aus dem Fenster seines Klassenzimmers gestürzt und tot am Boden des Schulhofs gelegen hat. Doch als er zusammen mit Direktor Taft Hof und Klassenzimmer untersucht, findet er Nietnagel frisch und lebendig auf seinem Platz... Einstimmig beschließt man: Dr. Knörz ist überreizt und benötigt eine ausgiebige Kur. Sein Nachfolger, Dr. Kersten, scheint mit allen Wassern gewaschen zu sein. Doch nicht nur die Klasse 10a begeistert sich für die neue Lehrkraft - auch Helena Taft, die Tochter des Direktors, ist Feuer und Flamme für den jungen Pädagogen. Einige Tage später kommt bei den Nietnagels die französische Austauschschülerin Geneviève Ponelle an, die in der kommenden Zeit noch selbst an einem handfesten Lümmel-Streich beteiligt ist. Und während sich das Verhältnis zwischen Dr. Taft und Dr. Kersten immer mehr zuspitzt, müssen sich die Schüler überlegen, wie sie ihren Lieblings-Pauker doch noch behalten können...

Die Streiche

Hansi Kraus in "Zur Hölle mit den Paukern". Dieses Bild wurde zur Verfügung gestellt von EuroVideo.
Der Selbstmord-Streich
Die Schüler legen eine menschengroße Puppe auf den Schulhof, die Nietnagel ähnelnde Kleider trägt. Später in der Lateinstunde springt Pepe Nietnagel aus den Fenster des Klassenzimmers, hängt sich an eine Fahnenstange und kann in das darunter liegende Zimmer gelangen. Lateinlehrer Knörz eilt zum Fenster und sieht auf dem Hof Pepes "Leiche" liegen. Während er ganz aufgelöst zum Direktor eilt, kehrt Nietnagel in den Klassenraum zurück und ein Mitschüler räumt die Puppe weg. Resultat des Streichs: Knörz wird wegen Halluzinationen in ein Sanatorium eingewiesen.

Der Toiletten-Streich
An die Türen der Lehrertoiletten hängen die Schüler die Schilder "katholisch" bzw. "evangelisch". Als Fräulein Dr. Pollhagen einem dringenden Bedürfnis nachgehen muss, weisen sie sie darauf hin, dass sie sich bitte zur "evangelischen" Toilette begeben möchte. Auf dieser haben die Schüler jedoch eine Puppe platziert. Beschämt verlässt Fräulein Dr. Pollhagen auch diese Toilette wieder. Auf der zweiten "evangelischen" Toilette schließt sich ein Schüler ein, sodass die Lehrerin mit ihrer Sextanerblase durch das ganze Schulhaus laufen muss.

Der Sexbomben-Streich
Zu Dr. Kerstens Einweihung bestellen die Schüler eine echte "Sexbombe" namens Susi Rixner in die Klasse. Sie soll den Pauker möglichst anständig verwirren, doch Dr. Kersten fällt nicht auf den Streich herein.

Der Gedenkfeier-Streich
Angeblich ist Pepe vor der Mathearbeit schlecht geworden. In Wahrheit hat er die Direktorats-Lautsprecheranlage im Klassenzimmer der 10a angezapft und gibt von der Toilette aus mit verstellter Stimme die Anweisung, sofort die Bestuhlung der Aula vorzunehmen. Dort soll eine Gedenkfeier stattfinden. Schnell breitet sich die Nachricht in der ganzen Schule aus - und selbst der Direktor kann nicht verhindern, dass sich alle Schüler in der Aula einfinden und seiner Rede zu einer Feierlichkeit harren, die gar nicht geplant war.

Uschi Glas, Georg Thomalla und Gila von Weitershausen in "Zur Hölle mit den Paukern". Dieses Bild wurde zur Verfügung gestellt von EuroVideo.
Der Reißverschluss-Streich
Während der Gedenkveranstaltung klemmt Pepe Fräulein Dr. Pollhagens Oberteil im Reißverschluss seiner Jacke ein. Als sie auf die Mitte der Bühne tritt, um den Chor zu leiten, reißt sie Pepe mit sich. Durch einige heftige Bewegungen wird das Oberteil vollständig zerrissen.

Der Alarm-Streich
Pepe schließt den "Ausschuss vom Zivilschutz" im Schutzraum im Keller der Schule ein und löst die Luftschutzsirene aus. Sofort bricht die ganze Schule in eine einzige riesige Hektik aus. Als alle auf dem Weg in den Keller sind, gibt Pepe Entwarnung, nur um kurz darauf wieder Alarm zu signalisieren. Am Schalterbrett für die Alarmsignale entwickelt sich daraufhin ein heftiger Zweikampf - nachdem Pepe und Co bereits längst die Schule verlassen haben...

Der Annoncen-Streich
Pepe lässt eine Verlobungsannonce Helenas mit Dr. Kersten aufgeben, um Direktor Taft zu ärgern. Dieser Streich geht jedoch völlig nach hinten los: Der Direx wird nur noch wütender auf den geliebten Lehrer Kersten!

"Lüstling!"
Mithilfe eines Telegramms lockt Pepe den Direktor in den Gasthof Nachtigall, wo Helena und Dr. Kersten angeblich die Nacht miteinander verbringen. Er postiert Helenas knallpinke Lackschuhe vor der Tür und wartet auf die Ankunft des wütenden Vaters. Als Taft, im Hotel angekommen, die Schuhe vor der Tür von Zimmer 7 stehen sieht, schlägt er vollkommen aufgelöst die Tür ein. Dort wartet die französische Austauschschülerin Geneviève halbnackt auf ihn und beschimpft ihn als Lüstling. Dies ist nur umso peinlicher, da die Klasse 10a im Gasthof Nachtigall "zufällig" mit Dr. Kersten zu Abend isst.

Der Brunnen-Streich
Bei der Einweihung des Brunnens manipuliert Pepe denselben. Es kommt zu einem fürchterlichen Feuerwerk.

Filmkritik

Unter den Talaren der Muff von tausend Jahren

Als in den Jahren 1967 und 1968 die Studentenrevolte in Deutschland ihrem Höhepunkt entgegenschritt, bahnte sich - analog zum (bildungs-)politischen Aufbegehren - eine Gruppe junger Wilder den Weg an die Spitze der deutschen Kinounterhaltung... Es war die filmische Geburtsstunde der "Lümmel von der ersten Bank" rund um ihren "Anführer" Pepe Nietnagel.

 Eben dieser Pepe Nietnagel ist es, der die Lehrkörper des Mommsen-Gymnasiums regelmäßig zur Weißglut treibt. Basierend auf der Satire "Zur Hölle mit den Paukern" des Pädagogen und Schriftstellers Alexander Wolf traf Franz Seitz jr. den zeitgenössischen Geschmack: Die Zuschauer strömten in Scharen in die Lichtspielhäuser der Republik und ergötzten sich an den ersten schelmischen Streichen des "Lausbuben". Dass Seitz, pardon: Laforet, mit "Zur Hölle mit den Paukern" sicherlich kein Film gelungen ist, der in der internationalen Filmhistorie Beachtung finden sollte, dürfte bereits zur damaligen Zeit klar gewesen sein, doch eines steht fest: Dieser Film war der Auftakt für eine der gelungensten und erfolgreichsten deutschen Filmreihen aller Zeiten. Und ja, sicherlich dürfte auch das bereits eingangs erwähnte Treiben an den Universitäten der Nation ein wenig zum Erfolg des ersten Teiles beigetragen haben. Die Revolte wurde quasi von den Hochschulen auf das Gymnasium "herunter"-projiziert, die hintergründige Aussage blieb die gleiche: Mit alten pädagogischen Traditionen und Methoden soll gebrochen, etwas frischer Wind soll unter die Talare gebracht werden! Das zeigt sich in "Zur Hölle mit den Paukern" vor allen Dingen darin, dass sämtliche Vertreter des Lehrkörpers von den Streichen der Klasse 10a "heimgesucht" werden (könnten), bis auf einen: der junge, liberale Lehrer Dr. Kersten. Sicherlich ein Wink mit dem Zaunpfahl in Richtung des vornehmlich erzkonservativen Pädagogentums der End-1960er, denn gerade diese erzkonservativ eingestellten Lehrer werden hier vortrefflich auf die Schippe genommen. Sei es nun Rudolf Schündler mit seinem leider viel zu kurz geratenen Auftritt als Dr. Knörz, der wundervolle Balduin Baas als ehemaliger Wehrmachtsoldat Dr. Blaumeier oder Ruth Stephan als Studienrätin Pollhagen. Sie alle verleihen ihren Figuren, auch wenn sie immer wieder Opfer von üblen Streichen werden, genau das, was sie trotz ihrer - vor allen Dingen aus heutiger Sicht - fragwürdigen Einstellung irgendwie sympathisch macht: trottelige Liebenswürdigkeit. An der Spitze - sozusagen als König - dieser "Trottel" steht mit Theo Lingen als Oberstudiendirektor Dr. Taft eine der konstantesten Persönlichkeiten der gesamten Filmreihe und ohnehin einer der besten deutschen Darsteller der damaligen Zeit, der auch heute noch bei (fast) jedem seiner Auftritte in den "Lümmel"-Filmen von mir Szenen-Applaus bekommt...

Wega Jahnke und Balduin Baas in "Zur Hölle mit den Paukern"
Wenn diese Riege der "Altehrwürdigen" dann Opfer von Streichen wie einem vorgetäuschten Selbstmord werden oder eine von Pepe Nietnagel eingefädelte Gedenkfeier abgehalten wird, von der auch während der Feier niemand so recht weiß, wessen im Rahmen dieser Feststunde gedacht werden soll, dann darf auch heutzutage noch herzlich gelacht werden. Die durchweg fantasievollen Streiche, die hier aus der Vorlage von Alexander Wolf herausgekitzelt wurden, sind wirklich herrlich dreist und urkomisch! Manches wirkt sicherlich etwas angestaubt, doch den Kern der Sache dürfte auch der heutige Zuschauer noch ohne weiteres erkennen: Spaß! Und den bereitet in der Riege der Jungdarsteller - wen wundert's - vor allen Dingen Hansi Kraus, der einen Jungen verkörpert, den der eine oder andere sicherlich mit einem Klassenkameraden aus der eigenen Schulzeit in Verbindung bringen kann oder den man sich einfach als Klassenkameraden gewünscht hätte: Er ist der immerlustige Klassenclown, der mit seinen Streichen seine Mitschüler in Lachkrämpfe und seine Lehrer in den Wahnsinn treibt. Dass ihm die Rolle des "Lausbub" im Blut liegt, durfte er bereits Jahre zuvor in Ludwig Thomas "Lausbubengeschichten" unter Beweis stellen. Die Rolle des Pepe Nietnagel kann getrost als konsequente Weiterführung dieser Rolle angesehen werden und schließlich bereitete sie Kraus auch weitaus mehr Beachtung als die Rolle des Ludwig in den Thoma-Verfilmungen.

Neben Hansi Kraus dürfen wir noch Uschi Glas (ja, vor 40 Jahren war die gute Frau noch recht ansehnlich) als Pepes Schwester Marion und Hannelore Elsner (dasselbe Urteil wie bei Frau Glas, nur noch um einiges ansehnlicher) als französische Austauschstudentin Geneviève Ponelle bewundern, die beide vor allen Dingen durch ihre jugendliche Unbekümmertheit punkten können.

Ilse Petri und Theo Lingen in "Zur Hölle mit den Paukern"
Man fasst es nicht..., 
jetzt komme ich dann auch so langsam zum Schluss und möchte nur noch
frisch, fromm, fröhlich, frei
meine abschließenden Worte zu "Zur Hölle mit den Paukern" loswerden:

Regisseur Werner Jacobs gelang in Zusammenarbeit mit Georg Laforet mit "Zur Hölle mit den Paukern" ein Film, mit dem ich Kindheitserinnerungen verbinde, die mir kein anderer Film in dieser Form bereitet, und der auch heute noch zu meinem Amüsement beitragen kann. Und ich denke, ich stehe mit dieser Einschätzung glücklicherweise nicht ganz alleine da. Es steht jetzt jedem zu, die Arme zu verschränken und zu sagen "Nein, so einen Mist schau' ich mir nicht an!" Doch eines muss anerkannt werden: "Die Lümmel von der ersten Bank" stellen eine Filmreihe dar, die generationenübergreifend ihre Zuschauer auf eine gewisse Art und Weise geprägt hat. Und in dieser Filmreihe stellt der erste Teil einen der besten dar, der vor allen Dingen neben all dem Humor, der geboten wird, durch die latente Kritik an einem veralteten Schulsystem überzeugt.

Gastautor: Michael Olk

Cast und Crew

Einweg-Werbematerial.
Rechte bei Constantin Film /
Euro Video.
Regie: Werner Jacobs. Regie-Assistenz: Margrith Spitzer. Drehbuch: Georg Laforet (d.i. Franz Seitz) nach dem gleichnamigen Roman von Alexander Wolf, erschienen bei Bärmeier und Nikel. Kamera: Heinz Hölscher. Kamera-Assistenz: Fritz Bader. Bauten: Walter Haag. Ton: Karl Tramburg. Kostüme: Monika Zallinger. Masken: Josef Coesfeld, Hedy Polenski. Schnitt: Claus Dudenhöfer. Schnitt-Assistenz: Irmtraud Schrader. Musik: Rolf Wilhelm. Titelschlager: "Sechsmal sechs ist sechsunddreißig...", gesungen vom Medium Terzett, erschienen auf Polydor-Schallplatte. Aufnahmeleitung: Bodo Schwope. Produktionsleitung: Franz Achter. Drehzeit: 30. Oktober bis 17. Dezember 1967. Atelier: Studio-Hamburg, Hamburg-Wandsbek. Außenaufnahmen: Hamburg, Baden Baden. Produktionsfirma: Franz Seitz. Produzent: Franz Seitz. Erstverleih: Constantin-Film, München. Weltvertrieb: Export Bischoff & Co. GmbH, München. Länge: 2338 Meter. Filmdauer bei Kinoprojektion (24 Einzelbilder pro Sekunde): 85 Minuten. Filmdauer bei Fernsehprojektion (25 Einzelbilder pro Sekunde): 82 Minuten. Format: 35 mm; Farbe (Eastmancolor), 1:1.66. FSK: 02. April 1968; 38877; 6 nff. Uraufführung (Premiere): 03. April 1968, Metro, Kiel. Uraufführung (Massenstart): 04. April 1968. Anmerkung: Der Film wurde für mehr als drei Millionen Besucher mit der Goldenen Leinwand ausgezeichnet.

Die Personen und ihre Darsteller:
Direktor Taft: Theo Lingen. Pepe Nietnagel: Hansi Kraus. Marion Nietnagel: Uschi Glas. Kurt Nietnagel: Georg Thomalla. Helena Taft: Gila von Weitershausen. Dr. Kersten: Günther Schramm. Geneviève Ponelle: Hannelore Elsner. Studienrat Knörz: Rudolf Schündler. Studienrat Blaumeier: Balduin Baas. Studienrätin Pollhagen: Ruth Stephan. Pedell Bloch: Hans Terofal (d.i. Hans Seitz). Fräulein Wendt, Sekretärin: Monika Dahlberg. Frau Nietnagel: Ilse Petri. Studienrat Priehl: Oliver Hassencamp. Frau Taft: Wega Jahnke. Kommissionsleiter Brändle: Herbert Weissbach. In weiteren Rollen: Ursula Grabley, Britt Lindberg, Jürgen Drews, Enrico Lombardi, Gerd Müller u.v.a.

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